Kurzfassung

Junge Menschen mit „geistiger Behinderung“ landen zu fast 100% in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) – ob sie wollen oder NICHT. Auch wenn sie einen Traumjob auf dem allgem. Arbeitsmarkt sicher haben! Trotz >10 J. UN-Behindertenrechtskonvention mit verbrieftem Wunsch- u. Wahlrecht. stattWERKstatt unterstützt ihren Kampf für ihren Traumjob. Für die Finanzierung der notwendigen Jobassistenz. Für individualisierten Berufsschulunterricht. Durch Beratung von Eltern/Betreuern/Politik/Verwaltung

Sie wurden vom Publikum und der Jury zu den 30 Preistragenden des einheitspreises 2020 gewählt. Was bedeutet Ihnen das?

Die Deutsche Einheit ist ein Meilenstein in der deutschen Geschichte. Und so ist auch der einheitspreis 2020 ein Meilenstein in der noch jungen Geschichte unseres aufstrebenden Projektes stattWERKstatt. Auch die bundesweite Auslobung durch die Bundeszentrale für politische Bildung, das eindrucksvolle Feld von Teilnehmenden und die Vielfalt unter den dreißig Gewinnerprojekten erhöhen die Bedeutung des einheitspreises 2020. Ebenso die angebotenen Vernetzungsaktivitäten sowie das Fundraisingseminar erhöhten für stattWERKstatt die Bedeutung des Preises.

Wie haben Sie das Thema Ost-West bzw. Solidarität in Ihrem Projekt aufgegriffen?

In Berlin angesiedelte Projekte haben alle eine kleine Ost-West-Komponente, auch 30 Jahre nach der Deutschen Einheit. Aber bei stattWERKstatt ging es und geht es um Solidarität mit Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung bei ihrer Suche nach einem inklusiven Weg in den allgemeinen Arbeitsmarkt. Anders als bei Menschen ohne Behinderung, bei denen sich eine vergleichbare Problematik nicht stellt, werden „werkstattfähige“ junge Menschen mit Behinderung von der Arbeitsagentur gegen deren Willen in die Sonderwelt einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) geschoben. Bei ihrer Suche nach einer „Ausbildung“ in ihrem Wunschberuf können die jungen Erwachsenen bei stattWERKstatt daher alle Solidarität gebrauchen, die wir ihnen organisieren können.

Was bedeutet das Thema "Deutsche Einheit" bzw. Solidarität im Jahr 2020 für Sie?

2020 ist das Jahr der Corona-Pandemie, die, wie ein Brennglas, Schwächen unseres gesellschaftlichen Systems aufgedeckt bzw. teilweise noch verstärkt hat. So waren die Sonderwelten der WfbM, die Ersten, die geschlossen wurden und die Letzten, die wieder geöffnet wurden. Gerade weil viele der Mitarbeitenden in den WfbMs in Wohnstätten der Behindertenhilfe wohnen, bedeutete das für sie monatelange Isolation ohne den täglichen Besuch in der WfbM oder in Freizeitaktivitäten. So wirkt sich im Jahr 2020 die Trennung der Gesellschaft in Menschen mit und Menschen ohne Behinderung in vielerlei Hinsicht wie eine undurchdringbare Mauer aus. Auch für „unsere“ jungen stattWERKstatt-ler gab es Einschränkungen im Ausbildungsalltag, doch ihre Arbeitgeber des allgemeinen Arbeitsmarkts haben manche solidarische Lösung für sie gefunden, sodass auch für sie die, für uns so selbstverständliche, abwechslungsreiche Tagesstruktur, (teilweise) erhalten bliebt.

Wo gibt es aus Ihrer Sicht nach wie vor Probleme zwischen Ost und West und in der Gesamtgesellschaft

2009, also vor 11 Jahren, wurde von der Bundesrepublik Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert. Deutschland hat sich mit der Anerkennung dieser Menschenrechtsnorm alle Bereiche des Lebens sukzessiv inklusiv zu gestalten. Aber vor allem im Bereich des Arbeitsmarktes wurde Deutschland bei der Vorlage des sogenannten „Staatenberichts“ für die minimalen Fortschritte (die im Bereich der WfbM sogar Rückschritte waren) vom UN-Fachausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen in Genf heftig kritisiert.

Wie dramatisch die Situation noch immer ist, kann u.a. im Bericht des Deutschen Institut für Menschenrechte „Entwicklung der Menschenrechtssituation in Deutschland Juli 2019 – Juni 2020“ an den Deutschen Bundestag abgelesen werden, in dem dem noch mangelhaften Übergang Schule-Beruf ein ganzes eigenes Kapitel gewidmet wurde.

Wie können Sie dazu beitragen, dem entgegen zu wirken?

stattWERKstatt handelt nach der Maxime, jungen Menschen mit einem Wunschberuf außerhalb der WfbM, diesen auch zu ermöglichen: so war für Jan W. (21 Jahre mit DownSyndrom) aus Rüdersdorf schon lange klar, dass er in seinem Ruderverein arbeiten möchte, in dem er schon seit Kindheitstagen rudert. In einem Ruderverein mit einem Bootshaus, einem Seegrundstück, vielen Booten, etc. gibt es auch immer viel Arbeit. Nur dass der Ruderverein keine (finanziellen) Möglichkeiten sah, Jan anzustellen und stattdessen für die anstehenden Arbeiten auf die immer weniger werdenden ehrenamtlichen Ressourcen der Mitglieder zurückzugreifen musste. Mit Hilfe von stattWERKstatt und dem „persönlichen Budget“ konnte nun für Jan eine inklusive betriebsintegrierte „Ausbildungslösung“ für 2 Jahre geschaffen werden: Jan ist glücklich und der Ruderverein ist es auch!

Haben Sie schon Pläne für das Preisgeld?

Jedes Preisgeld, jede Spende und alle Fördermittel sind wichtig für ein aufstrebendeskleines Projekt, das erste Projekt der inclution gUG. Außer an Motivation, fehlt es zu Beginn an allen Ecken und Enden: so war das Preisgeld des einheitspreises eine gute Grundlage für die notwendige Ko-Finanzierung für den Ausbau der Beratungsleistungen für junge Menschen und ihre Angehörigen in anderen Bundesländern. Nach der Social-Media-Arbeit zum einheitspreis meldeten sich u.a. zwei Initiativen aus Bremen und Hamburg, die sehr an einem Vorort-Austausch ab Mitte 2021 interessiert sind, um das stattWERKstatt-Prinzip auch in den beiden norddeutschen Stadtstaaten anzuwenden.

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