Kurzfassung

In der DDR war häusliche Gewalt ein Tabu. 1989/90 brachen mutige Frauen in Rostock dieses Tabu, kämpften für ein Frauenhaus, wie sie es bei ersten Kontakten in den Westen Deutschlands gesehen hatten, gründeten dafür den Verein Frauen helfen Frauen. 30 Jahre später: wieder Zeit für Veränderung. Häuslicher Gewalt wird gesellschaftlich wahrgenommen. Sie findet dennoch statt. Nicht mehr nur Frauen, auch Männer, Trans*personen brauchen Hilfe. Mit STARK MACHEN e.V. wollen wir dem gerecht werden.

Sie wurden vom Publikum und der Jury zu den 30 Preistragenden des einheitspreises 2020 gewählt. Was bedeutet Ihnen das?

Häusliche, sexualisierte Gewalt – darüber sprechen Menschen in der Öffentlichkeit kaum. Nicht unter Kolleg*innen im Betrieb oder Büro, nicht in Schule oder Kindergarten, nicht bei Familienfeiern. Genauso geht es der Antigewaltarbeit. Journalist*innen fragen vielleicht zu Weihnachten an, ob sie denn mal das Fest im Frauenhaus begleiten könnten, im Vorjahr seien sie bei den Obdachlosen gewesen… Dass hinter den Frauenhäusern Fachberatungsstellen gegen sexualisierte Gewalt stehen, dass es Interventionsstellen gegen häusliche Gewalt und Stalking oder Beratungsstellen für Sexarbeiter*innen gibt, das wird kaum gesehen. Deshalb haben wir uns sehr gefreut, zu den Preisträger*innen des Einheitspreises 2020 zu gehören. Weil das Anerkennung war für unsere Arbeit seit 30 Jahren, die ja zugleich 30 Jahre deutsche Einheit waren. Anerkennung für einen vergleichsweise kleinen Verein, der sich in diesen 30 Jahren enorm entwickelt und verändert und auch Veränderungen im ganzen Land vorangebracht hat.

Wie haben Sie das Thema Ost-West bzw. Solidarität in Ihrem Projekt aufgegriffen?

Unser Verein konnte nur durch die friedliche Wende 1989 in der DDR entstehen. Wir sind gewachsen – auch mit den Erfahrungen, die andere Frauenverein in den damals alten Bundesländern vor uns gemacht haben. Und wir haben unsererseits viel eingebracht in die gesamtdeutsche Frauenarbeit, in die Antigewaltarbeit bundesweit. Wir begleiteten Tausende Menschen auf ihrem Weg in ein selbstbestimmtes Leben. Wenngleich noch immer Frauen den weitaus größten Teil der Betroffenen ausmachen, so beraten wir doch mittlerweile auch viele Kinder, Jugendliche, Männer und Trans*personen. Sie alle sollen sich angesprochen fühlen. Wir solidarisieren uns mit Menschen, die von Gewalt, Stigmatisierung und Ausgrenzung betroffen sind, unabhängig von ihrem Geschlecht, Alter, Herkunft oder ihrer sexuellen Identität.

Was bedeutet das Thema "Deutsche Einheit" bzw. Solidarität im Jahr 2020 für Sie?

Das Wort Solidarität hat in diesem Jahr noch einmal einen ganz besonderen Klang bekommen. Unsere Gesellschaft driftet auseinander, die Spanne – nicht zwischen Ost und West, sondern zwischen arm und reich – wird immer größer. Der Umgangston ist rauer geworden und auch Gewalt wird wieder als mögliches Mittel der Kommunikation genannt. Dagegen wehren wir uns ganz entschieden. Wir arbeiten für ein gewaltfreies und selbstbestimmtes Leben für alle Menschen. Das tun wir in unserer praktischen Arbeit und auch politisch.

Wo gibt es aus Ihrer Sicht nach wie vor Probleme zwischen Ost und West und in der Gesamtgesellschaft

Die Lebensläufe vieler Menschen werden nicht gewürdigt. Weil sie aus dem Osten kommen, weil sie aus armen oder auch bildungsfernen Familien kommen, weil sie eine Migrationsgeschichte haben. Es findet zu wenig Umverteilung zwischen arm und reich statt. Es wird zu wenig investiert in Kultur und Bildung und in Prävention. Wer etwas gegen häusliche oder sexualisierte Gewalt tun möchte, der muss in Beratungsstellen und Frauenhäuser investieren und in Prävention. Der muss die Hilfesysteme auskömmlich finanzieren. Und der muss soziale und kulturelle Arbeit gerecht, tarifgetreu finanzieren.

Wie können Sie dazu beitragen, dem entgegen zu wirken?

Wir sprechen genau diese Probleme auf fachlicher und politischer Ebene an, bringen uns ein in Bündnisse, die ähnliche oder gleiche Ziele haben.

Haben Sie schon Pläne für das Preisgeld?

Die 1.000 Euro Preisgeld sind in unsere STARK-MACHEN-Kampagne geflossen. Weil Gewaltschutz Öffentlichkeit braucht. So können wir informieren über die Arbeit in unseren sechs Beratungsstellen in Rostock, Stralsund und Grimmen und über das Rostocker Frauenhaus.

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