Mythos Montagsdemonstrationen

Startseite/Mythos Montagsdemonstrationen
#

Kurzfassung

Die Webpräsentation des Archiv Bürgerbewegung Leipzig bietet einen kurzweiligen Beitrag zur Mythenbildung von DDR-Geschichte am Beispiel des inflationären Bezugs auf die Leipziger Montagsdemonstrationen und den Ruf „Wir sind das Volk“ bis in die Gegenwart. Beginnend mit dem historischen Kern der Friedensgebete seit 1982 über die Demokratie- und Einheitsbewegungen 1989/90, folgen Konflikte im Einigungsprozess bis zu den Pegida-Demos ab 2014. – Die Revolution ist unser Erbe, es lebe der Mythos!

Sie wurden vom Publikum und der Jury zu den 30 Preistragenden des einheitspreises 2020 gewählt. Was bedeutet Ihnen das?

Natürlich ist der Preis eine Auszeichnung und eine sehr schöne Anerkennung unserer Arbeit. Wer wäre frei davon? Historische Darstellungen für das Internet sind mitunter auch etwas „einsame“ Projekte, da die Resonanz sich verzögert einstellt. Es fehlt der unmittelbare Austausch mit den Interessent:innen. Daher ist der Preis eine Bestätigung unserer Herangehensweise an die Zeitgeschichte. Die Idee und die Anlage unseres Projekts haben das Publikum und die Jury überzeugt. Das freut uns besonders, da die Präsentation zur Bewerbung noch nicht ganz fertig war und wir praktisch mit „Vorschusslorbeeren“ bedacht worden sind. Daher kam die Preisverleihung für uns auch überraschend.

Wie haben Sie das Thema Ost-West bzw. Solidarität in Ihrem Projekt aufgegriffen?

So ausdifferenziert die Geschichte der DDR in den letzten 30 Jahren dargestellt wurde, scheint es uns wichtig, einen Schritt weiterzugehen. Wir haben eine Art „Längsschnittstudie“ entwickelt, die die DDR-Geschichte nicht von ihrem Ende her betrachtet, sondern einen Ausschnitt der Transformationsgeschichte jenseits der Angleichung Ostdeutschlands an den westlichen Standard nach 1990 vermittelt. So lassen sich neben den Brüchen auch mögliche Kontinuitäten über 1989/90 hinaus feststellen. Wir schlagen einen Bogen zu Protestbewegungen im vereinten Deutschland und damit auch einen geografischen von Ost- nach Westdeutschland. Der Umgang mit unserer Geschichte betrifft uns alle. Mit der Veröffentlichung der Texte von Autor:innen deutschlandweiter Lesebühnen wollen wir auch einen Diskurs anregen, der unabhängig von der biografischen Herkunft und Sozialisation stattfindet. Das Thema kann nicht nur von einem Fachpublikum und den Zeitzeugen diskutiert werden.

Was bedeutet das Thema "Deutsche Einheit" bzw. Solidarität im Jahr 2020 für Sie?

Als wir das Thema 2018 konzipierten, konnten wir die unsolidarischen Erscheinungen der Corona-Pandemie 2020 natürlich nicht voraussehen. Man könnte fast meinen, unser Projekt sei seiner Zeit voraus und es ist nun aktueller denn je. Die Gegenwart zeigt, dass die Mythologisierung von DDR-Geschichte auf einen fruchtbaren Boden fällt. Erschreckend ist dabei die allgemeine Unkenntnis über die deutsche und europäische Zeitgeschichte. Umso dramatischer empfinden wir, wie die gegenwärtigen Proteste zur Durchsetzung individueller Bedürfnisse sich mit Hilfe der Revolutionsgeschichte der DDR versuchen zu legitimieren. Der Ruf „Wir sind das Volk“, im Oktober 1989 als emanzipatorisches und integratives Bedürfnis der Menschen entstanden, ist auf dem besten Wege, zum „Unwort“ zu werden. Eine sehr bedauerliche Entwicklung.

Wo gibt es aus Ihrer Sicht nach wie vor Probleme zwischen Ost und West und in der Gesamtgesellschaft

Unsere Zeitgeschichte wird weitgehend in DDR-und BRD-Geschichte sowie die Transformationsgeschichte des Ostens nach 1990 segmentiert. Dabei sind die sozioökonomischen Veränderungen nach 1990 auch im Westen nicht zu unterschätzen. Die gewaltigen Probleme bei der Umwandlung der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft in Ostdeutschland paarten sich mit den Auswirkungen der Globalisierung, die alle Menschen betrafen. Der Beitritt der fünf neuen Länder überließ die Verantwortung für die sozialistischeVergangenheit den Ostdeutschen. Sehr problematisch ist das Verhältnis Deutschlands zu den ostmitteleuropäischen Nachbarn. So fand z.B. nach den Grenz-und Einigungsverträgen mit Polen 1990/91 eine weitere Annäherung nur auf EU-Ebene statt, ausgenommen von regionale Initiativen. Polen ist der fünft größte Handelspartner für Deutschland. Von der als Vorbild dienenden deutsch-französischen Aussöhnung sind wir hier noch weit entfernt.

Wie können Sie dazu beitragen, dem entgegen zu wirken?

Unser Aktionsfeld ist die politisch-historische Aufarbeitung und Bildung. Im Rahmen dessen werden wir immer wieder gegenwärtige Konflikte aufgreifen und historische Brüche und Kontinuitäten beschreiben. Durch unseren regelmäßigen Kontakt mit Jugendlichen durch verschiedenste Schülerprojekte fließen deren Fragestellungen in unsere Arbeit ein.

Haben Sie schon Pläne für das Preisgeld?

Das Preisgeld werden wir zur Mitfinanzierung bei der Konzeption und Durchführung innovativer neuer Projekte im Rahmen unserer politisch-historischen Bildungsarbeit einsetzen. Konkrete, spruchreife Ideen gibt es bisher noch nicht.